Betriebsdirektor Christian Stangl im Portrait

Man muss delegieren können

Auf sein Team verlässt sich Christian Stangl zu 100 Prozent. Der Betriebs- und Verkaufsdirektor von Herba Chemosan Graz erklärte Herba Impulse, wie wichtig es ist, Fehler zu verzeihen, wie viel Zeit er sich für die Kommunikation nimmt und wie sich die Freiheit auf zwei Rädern anfühlt.

Aufgrund der Topografie und der damit verbundenen Inversionswetterlagen sind in Graz Schadstoffe in der Luft traditionell ein großes Th ema. Rund 720.000 Fahrten werden hier täglich mit dem Kfz zurückgelegt.* Über 60 innerstädtische Apotheken werden von der Herba mehrmals täglich mit dem Auto beliefert. Es ist daher kein Zufall, dass der Herba-Betrieb in Graz Vorreiter in Sachen Elektromobilität ist. Stangl wollte immer schon ein Elektroauto, wie er sagt. Als attraktive Förderungen einen kostenneutralen Einstieg in das Thema ermöglichten, schlug er zu (siehe auch S. 4). Die Blitztouren mit kleinem Liefervolumen erledigt noch umweltschonender ein Fahrradbote. Auch der Umstieg von Öl auf Fernwärme erfolgte in Graz zum ehestmöglichen Zeitpunkt, und eine Photovoltaikanlage ist in Planung. Denn das Gebäude in der Petersgasse liegt den ganzen Tag in der Sonne, „das muss man nutzen“, sagt der 58-jährige Steirer. „Da geht es um die Zukunft unserer Kinder, selbst in China findet jetzt ein Umdenken statt. Und ökonomisch rechnet sich so eine Anlage schon in rund 15 Jahren.“

Nachhaltigkeit ist für Stangl aber nicht nur eine Frage der Ökologie und Ökonomie. Auch eine gesunde Arbeitsumgebung gehört dazu, denn „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können das Beste nur geben, wenn sie es auch bekommen“. Deshalb wird in Graz Wert gelegt auf Details wie individuell einstellbare Tageslichtlampen an den Arbeitsplätzen. Ein Angebot zu Massagen im Betrieb wird von der Belegschaft sehr gut genutzt. 110 Personen sind es, für die Stangl verantwortlich ist. „Wenn du da nicht delegieren kannst, gehst du unter“, beschreibt er seinen Führungsstil. Und das betrifft in erster Instanz seine sieben Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter. Ihnen vertraut er voll, er weiß, dass er sich auf sie verlassen kann, sie entscheiden vieles eigenständig. Dieser Stil war neu, als er vor neun Jahren die Leitung des Betriebs in Graz übernahm, und es war ein Prozess: „Sie sind an der Verantwortung, die ich ihnen übertragen habe, gewachsen. Das entlastet nicht nur mich, es hebt auch die Eigenmotivation und die Freude an der Arbeit.“ Sich selbst beschreibt er als Teamplayer. „Wenn es gut läuft, brauche ich nicht in der ersten Reihe zu stehen.“ Ganz wichtig sei auch eine konstruktive Fehlerkultur. „Nur wenn ich Fehler machen darf, kann ich mich sicher fühlen.“

Schlagkraft durch Schnelligkeit

Für die Kommunikation mit seinem Führungsteam nimmt sich Stangl jede Woche einen halben Tag. In dieser Zeit wird alles geregelt und gemeinsam beschlossen. „Probleme gibt es nicht, nur Lösungen“, lautet die Devise, auch Erfolge werden besprochen. Ganz wichtig sei die sofortige Umsetzung, sagt der Betriebsleiter. „Schnelligkeit ist unsere Stärke in Graz. Dass ich einen Kunden, der dringend etwas braucht, erst morgen anrufe, das gibt es nicht.“ So erklärt sich auch der Marktanteil von 61 Prozent – der höchste innerhalb der Herba-Betriebe in Österreich. Diesen Marktanteil hält die Herba in der Steiermark konstant seit über 25 Jahren, trotz steigender Anforderungen wie Kostendruck und Regulierungen.

Ziele visualisiert er auch bildlich, ist bedacht auf seine Worte und Gedanken. Was nach fernöstlicher Philosophie oder westlichem Motivationstraining klingt, ist in erster Linie seine Haltung dem Leben gegenüber: „Ich bin immer schon so an die Dinge herangegangen.“ Mentale Stärke nennt er es, im Leistungssport könne man sehen, dass es ohne sie nicht gehe. Inspiration fand er auch in den Büchern der Managementtrainerin Vera F. Birkenbihl. Und so kann es vorkommen, dass er mitten in der Nacht aufwacht, weil ein Problem ihn beschäftigt. Dann steht er auf, schreibt es nieder, auch hier gilt: Nicht aufschieben, die Lösung muss sofort gefunden werden. Oder er stellt sich eine Frage vor dem Einschlafen und findet die Antwort meist am nächsten Tag. „Wie das genau funktioniert, weiß ich nicht. Aber ich praktiziere es seit Jahren mit Erfolg.“ Nach der Matura absolvierte der gebürtige Obersteirer ein Tourismuskolleg. Er war zwei Jahre in Saisonarbeit in Österreich und im Ausland unterwegs, bevor er Managementerfahrung beim Aufbau einer McDonald’s-Filiale am Grazer Jakominiplatz sammelte. Über eine Zwischenstation bei einem Zahnarzt, wo er sich auf Arzt-Software spezialisierte, kam er schließlich Anfang der 1990er-Jahre zur Herba. Er leitete einige Jahre den Betrieb in Bruck – damals noch Chemosan –, wechselte nach Graz in den Außendienst, bevor er vier Jahre später, 2008, die Leitung der in Graz zusammengelegten Betriebe übernahm. Manche Kundenbeziehungen währen schon 25 Jahre – das ist nachhaltig. Die Beziehungsebene sei der Schlüssel zum Vertrauen, die Kunden wissen, dass sie sich auf ihn und sein Team verlassen können. Vertrauen prägt auch die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in den übrigen Regionen und der Führung in Wien. „Wir ziehen an einem Strang. Gemeinsam geht es leichter.“ Aus den so unterschiedlichen Stationen seiner Karriere sei ersichtlich, dass er die Abwechslung brauche, sagt Stangl. In seiner jetzigen Doppelrolle als Betriebs- und Verkaufsleiter in Graz ist er angekommen, denn die oft widersprüchlichen Anforderungen des Innen- und Außendienstes im zweitgrößten Herba-Betrieb unter einen Hut zu bringen, sei eine große Herausforderung. Und die brauche er.

Entspannung in der Bewegung

Stangl kann gut abschalten, das hilft. Zum Beispiel, wenn die Landschaft an ihm vorbeizieht. Was manchem lästig wäre, nämlich zwei Stunden Arbeitsweg pro Tag im Auto, kommt ihm, der jetzt wieder in der Obersteiermark lebt, entgegen: Die Hinfahrt nutzt er für Telefonate, am Heimweg verarbeitet und regelt er „ganz viel im Kopf“. Dabei kommt auch Musik zum Einsatz - von Klassik bis zu aktuellen Bands, der Fokus liegt auf der Musik seiner Generation: Deep Purple, Rolling Stones, Beatles. Noch besser aber entspannt er auf zwei Rädern: Mit der Anschaffung seiner Harley Davidson Road King erfüllte sich der Vater zweier erwachsener Kinder vor einem halben Jahr einen Jugendtraum. Mit fast sechzig, denn davor hat es nie gepasst: Heirat, Kinder, Hauskauf, Karriereschritte kamen ihm dazwischen. Nach einer Scheidung startete er privat ein zweites Mal durch, renovierte ein weiteres Haus, mit seiner Lebensgefährtin lebt er nun schon seit zehn Jahren zusammen. Die Kinder haben studiert, sind erfolgreich im Beruf, die Tochter absolviert gerade ein zweites Studium. Man hört den Stolz in seiner Stimme, wenn er von ihnen spricht. Ins Schwärmen gerät er, wenn er von seiner Harley erzählt. „Im Alltag ist man doch in vielem gefangen, auf dem Motorrad aber bist du einfach frei. Jetzt lass ich einfach mal nur den Wind an mich heran und sonst gar nichts – im Jetzt sein.“ Nicht um die Geschwindigkeit gehe es dabei, denn mit einer Harley fährt man höchstens 100 km/h. Die Kraft unter sich bändigen, das „Cruisen“, „man muss es erlebt haben, das kann man nicht beschreiben“. Dass sein Hobby nicht unbedingt umweltfreundlich ist, nimmt er in Kauf, denn „ein E-Bike mit vergleichbaren Eigenschaften muss erst entwickelt werden. Ich fahre ja nicht viele Kilometer im Jahr.“ Nachhaltigkeit ist aber auch im Privaten kein Lippenbekenntnis: Stangl ist gerade dabei, sein Haus energieautark umzurüsten, auch dort ist eine Photovoltaikanlage in Planung. 


Autor: et
Fotos: © Regine Schöttl