Gespräch

Gemeinsam Lösungen finden

Herba Impulse lud die Präsidentin der österreichischen Apothekerkammer, Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr zum Doppelinterview mit Herba-Vorstandsvorsitzendem Mag. pharm. Dr. Andreas Windischbauer. Ein Gespräch über die Zusammenarbeit zwischen Apotheken und Großhandel, eine stärkere politische Positionierung und gemeinsame Lösungsansätze in bewegten Zeiten.

Herba Impulse: Frau Dr. Mursch-Edlmayr, was haben Sie sich für Ihre Amtsperiode als Präsidentin vorgenommen?

Mursch-Edlmayr: 
Wir wollen klare Gesundheitsvorsorge und -versorgungsziele umsetzen. Eine niederschwellige, professionelle Gesundheitsversorgung wird in Zukunft immer wichtiger werden, Stichwort demografische Entwicklung, Stichwort prognostizierter Verlust von Arztstunden. Dabei müssen wir Bewährtes bewahren. Dazu zählen die bedarfsgerechte Apothekenniederlassung, die Apothekenpflicht bei einem Großteil der rezeptfreien Arzneimittel und die Unabhängigkeit unseres Berufes. Wir müssen aber auch das Berufsbild weiterentwickeln, die Gesundheitskompetenz unserer Patienten weiter stärken und unsere Beratungskompetenz noch stärker in  den Mittelpunkt stellen.

Welche Themen stehen auf Ihrer inhaltlichen Agenda?

Mursch-Edlmayr: Im Zentrum unserer Arbeit werden die Optimierung der Arzneimittelversorgung, praxisnahes Medikationsmanagement und eine Adherence-Offensive sowie die spürbare Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stehen. Dazu appelliere ich an die Politik, das Potenzial der Apothekerinnen und Apotheker anzuerkennen und auszuschöpfen. Wir haben hohe Beratungskompetenz in strukturierter Form, hohe soziale Kompetenz und sind ganz nah am Menschen. Wenn die Politik die deklarierten Gesundheitsziele erreichen will, wird sie nicht umhin können, die Apotheker entsprechend ihrem Ausbildungs- und Leistungsportfolio einzubeziehen. In der Apotheke passiert mehr als nur die Abgabe von Medikamenten. Gerade unsere Beratungsleistung ist in strukturierter Form ein ganz wesentlicher Beitrag zur Vorsorge und Versorgung.

Windischbauer: In der strategischen Planung der Gesundheitspolitik kommen die Apotheken derzeit nicht ausreichend vor, und das gilt genauso für den Großhandel. Dabei gibt es wichtige Themen, die uns beide stark betreffen, wie z. B. die Direktlieferungen. Wir haben derzeit die Situation, dass die billigsten Generika eine bessere Verfügbarkeit haben, als eine Vielzahl von sehr teuren – und wichtigen – Arzneimitteln. Das ist natürlich nicht von Vorteil für die Patienten. In einer politischen Übergangsperiode bietet sich für uns nun die Chance, aufzuzeigen, wie wir gemeinsam mit den Apotheken ein besseres Ergebnis erreichen können. Wir wollen nicht gemeinsam jammern, sondern den Blick nach vorne werfen und zeigen: Wir sind ein Teil der Lösung für die drängenden Themen, die es im Gesundheitswesen gibt.

Mursch-Edlmayr: Wir wollen sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene in die Zielsteuerungsverträge einbezogen werden, sodass wir in Zukunft mit einem noch klareren Auftrag arbeiten können. Damit meine ich nicht nur den Auftrag im Bereich der Arzneimittelversorgung. Das ist das Tagesgeschäft, das wir natürlich absichern und weiterhin professionell besorgen werden. Darüber hinaus möchten wir aber unser Leistungsspektrum im Bereich der Beratung und Betreuung im Sinne einer umfassenden Dienstleistung erweitern. Die politischen Veränderungen könnten also auch für die Apothekerschaft eine Chance darstellen, sich neu und stärker zu positionieren?

Mursch-Edlmayr: Absolut! Jede Veränderung bietet Chancen. Wir stehen vor ganz neuen Herausforderungen. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung, in dem sich die Grenzen verschieben. Wir haben eine alternde Bevölkerung. Wir beobachten eine Entwicklung in der Ärzteschaft, wo die Prognosen darauf hin- weisen, dass aufgrund von Pensionierungen in Zukunft weniger Arztstunden für die Versorgung der Patienten zur Verfügung stehen werden. In diesem Bereich müssen wir Apotheker als erste, niederschwellige Anlaufstelle in der Gesundheitsversorgung mehr Aufgaben übernehmen. 

Früherkennung, betreute Selbstmedikation, die Betreuung von chronisch Kranken – das sind Themen, die auch mit umfassender Beratung und Betreuung bedient werden können. Klar ist, dass diese Leistungen fair honoriert werden müssen. Welche konkreten Schritte möchten Sie setzen, um diese Ziele zu erreichen?

Mursch-Edlmayr: Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Gesundheitsbetreuung nicht mit dem Arztbesuch beginnt. Die Apotheke ist im täglichen Leben längst der erste Ansprechpartner, die Pharmazeuten sind jene akademisch ausgebildeten Fachkräfte in der Versorgungskette, an die sich die Menschen sehr oft als Erstes wenden. Wir möchten auch auf struktureller Ebene diesen Platz einnehmen. Großhandel und Apotheke haben flexible Strukturen. Gemeinsam haben wir die Möglichkeit, schnell auf Probleme zu reagieren. Wir können die Patienten auf eine unheimlich nahe, regionale Art und Weise versorgen, und das in der Regel ohne große Wartezeiten.

Windischbauer: Sowohl die Apotheken als auch der Großhandel verfügen über eine funktionierende Infrastruktur, die von den Entscheidungsträgern bisweilen nicht oder aber als selbstverständlich wahrgenommen wird. Dabei wäre es für eine effiziente Planung durchaus sinnvoll, wenn man die gesamte Kraft der bestehenden Infrastruktur nutzen würde, anstatt auf politischen Zuruf Dinge neu zu erfinden.

Ist es nicht auch eine Frage der Nachhaltigkeit, bestehende Ressourcen zu nutzen, anstatt sie brachliegen zu lassen?

Windischbauer: Aus einem ökonomischen Gedanken zu 100 Prozent. Aber auch aus einer ökologischen Perspektive kann die Bündelungsfunktion, die der Großhandel zur Apotheke hat, einen wertvollen Beitrag leisten, etwa um CO²-intensive Einzeltransporte zu vermeiden. Wenn sich Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten, nicht mit Ökologie beschäftigen würden, dann liefe irgendetwas falsch. 

Mursch-Edlmayr: Für mich ist es selbstverständlich, Nachhaltigkeit immer mitzudenken. Auch wenn man jemandem erklärt, wieso er seine Grundkrankheit behandeln lassen soll und nicht seine Symptome, ist das nachhaltig, und zwar in einem ganz alltäglichen Bereich. Was sind die Ursachen? Wie kann man diese bekämpfen? Und wie kann ich präventiv arbeiten? Nach einer Diagnose sollten die Patienten wissen, warum sie die vom Arzt empfohlene Therapie einhalten sollen, denn auch so schafft man gesunde Lebensjahre.

Wir müssen daran arbeiten, das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung zu verbessern. Im EU-Vergleich haben wir noch Aufholbedarf, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Da möchten wir in Zukunft strukturierter arbeiten. 

Welche Wünsche haben Sie hinsichtlich der Kooperation zwischen Apotheken bzw. Apothekerkammer und Großhandel?

Windischbauer: Der Großhandel hat wie bereits erwähnt eine Bündelungsfunktion bei logistischen Vorgängen, das ist ein wichtiger Teil. Wir von der Herba streben aber an, dass in Zukunft auch der Informationsaustausch besser funktioniert. Wir müssen die Vorteile der Digitalisierung nutzen, damit unsere Mitarbeiter – die von beiden Seiten – ihre Zeit nicht für bürokratische Tätigkeiten aufwenden, sondern ihr Potenzial einsetzen können, um den Kunden einen Mehrwert zu bieten.

Mursch-Edlmayr: Für mich ist es wichtig, dass wir bei unterschiedlichen Themen Schulterschlüsse finden und uns gemeinsam zu Wort melden. Dazu müssen wir auch andere Partner suchen, die unseren Anliegen mehr „Drive“ geben. Ich denke da vor allem an die Ärztekammer, den Hauptverband, das Gesundheitsministerium, die Wirtschaftskammer oder den Gemeindebund, deren Interessen in vielen Bereichen ähnlich gerichtet sind. Die Frage ist: Wo kann man Synergien finden, sodass wir unsere Position stärken können?

Kommen wir zuletzt noch einmal auf Ihre Wahl zurück. Welche Bedeutung hat es, dass in der 70-jährigen Geschichte der Apothekerkammer nun erstmals eine Frau an ihrer Spitze steht?

Mursch-Edlmayr: Wir bilden endlich die Wirklichkeit ab, denn wir haben über 90 Prozent Frauen in den pharmazeutischen Berufen. Und nach den ersten Wochen im Amt kann ich sagen: Etwas mehr Östrogen tut dem Präsidium durchaus gut!


Autor: ds
Fotos: © Bernhard Wolf