Humangenetik

„Fortschritt braucht Regeln“

Dr. Markus Hengstschläger hat eine Mission. Der Humangenetiker, Vorstand, Autor und Universitätsprofessor will den breiten Diskurs fördern: Das Thema dürfe nicht allein den Fachleuten in den Labors überlassen werden.

Univ.-Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger ist Autor mehrerer Bestseller, mit denen er sein komplexes Wissen über Genetik einem breiten Publikum näherbringt. Der Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik der Medizinischen Universität Wien hat eine Mission: Die Humangenetik sei ein Fach, das besonders viele ethische Fragen aufwerfe, erklärte er gegenüber Herba Impulse. Deren Beantwortung dürfe man nicht ausschließlich den Fachleuten in den Labors überlassen. Damit aber eine breite gesellschaftliche Diskussion dazu stattfinden kann, braucht es zuerst einmal Information. 

Erfolge durch Gentechnik

23.000 Gene hat jeder Mensch, und sie sind bei jedem von uns weitgehend identisch. Der Unterschied liegt in der Sequenz der DNA und macht nur einen ganz geringen Teil des Gesamten aus. Diese Unterschiede haben es aber manchmal in sich: Bis zu 5.000 genetische Erkrankungen sind bekannt und werden Jahr für Jahr fallweise diagnostiziert. 

Mit großartigen Erfolgen: So wird zum Beispiel jedes Neugeborene in Österreich am Tag der Geburt auf Phenylketonurie untersucht, eine seltene Stoffwechselerkrankung. Nur rund neun Mal im Jahr tritt sie auf. Den betroffenen Babys kann mit einer lebenslang einzuhaltenden Diät geholfen werden. Bliebe die Krankheit unentdeckt, würden diese Kinder oft schwere körperliche und geistige Behinderungen entwickeln. 

Aber nicht immer bedeutet eine Diagnose, dass auch geholfen werden kann. Die schwer neurodegenerative erbliche Erkrankung Chorea Huntington etwa, die zumeist erst nach dem 40. Lebensjahr Symptome ausbildet, ist seit den 1990er-Jahren genetisch nachweisbar – in jedem Alter, selbst beim Ungeborenen. Eine wirksame Therapie gibt es jedoch nicht. In Österreich regelt ein sehr strenges Gentechnikgesetz das Recht jeden Österreichers auf das Nichtwissen seines genetischen Status. 

Dr. Hengstschläger bei der Apolounge - einer Veranstaltungsreiher der Herba Chemosan Apotheker-AGDr. Hengstschläger bei der Apolounge - einer Veranstaltungsreihe der Herba Chemosan Apotheker-AG

Stammzellen im Fruchtwasser: eine Frage der Ethik

Es war Univ. Prof. Dr. Hengstschläger, der Stammzellen im Fruchtwasser von Schwangeren entdeckt hat. Entdeckungen wie diese spielen eine Rolle für das Verständnis der nichtinvasiven und damit risikolosen Pränataldiagnostik. Was eröffnet aber diese neue Möglichkeit in Kombination mit der ebenfalls noch jungen Technik, das Genom eines – ungeborenen – Lebens in immer kürzerer Zeit auf alle bekannten genetischen Defekte untersuchen zu können? Mit neuen Entwicklungen in der Forschung tun sich auch immer ethische Fragen auf, wo denn die Grenzen zu ziehen sind zwischen dem, was machbar ist, und dem, was man tatsächlich tun sollte. 

"Wer würde dann bald noch geboren werden?", stellt Hengstschläger in den Raum. Eine der Fragen, mit denen er sich als stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission intensiv beschäftigt. Von der Pränatal- ist es nicht weit zur Präimplantationsdiagnostik. Heute ist es möglich, einem Embryo, der aus einer künstlichen Befruchtung entstanden ist, in einem ganz frühen Stadium seiner Entwicklung schadlos eine Zelle zu entnehmen und diese genetisch zu untersuchen, um dann zu entscheiden, ob man ihn in die Gebärmutter einsetzt – oder eben nicht. Bestimmte genetische Erkrankungen können so ausgeschlossen werden, und seit 2015 ist das in Österreich auch erlaubt. Zu diesem Zeitpunkt das Geschlecht zu ermitteln, ist hingegen verboten. 

„Warum?“, fragt Hengstschläger. „Weil wir uns in Österreich als Gesellschaft ganz intensiv immer wieder mit diesen Fragen auseinandergesetzt haben: Wozu sollen wir diese Technologien nutzen und wozu nicht?“ 

Hengstschläger macht deutlich, dass sich jeder einzelne in den Diskurs einbringen sollte: Die Entscheidung dürfe nicht den Genetikern alleine überlassen werden, so der Forscher. 

„Wie jedes Fach, braucht auch die Medizinische Genetik Regeln.“ Ebenso wenig aber dürfe die Tatsache, dass man mit der Genetik „auch Unfug treiben“ könne, dazu führen, dass jenen Patienten, die von ihren Errungenschaften profitieren könnten, diese Chancen genommen werden.

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