Die heiße Frage

E-Health: Wie hat Corona das Gesundheitswesen verändert?

Und welche Maßnahmen werden Bestand haben?

Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Steyrtal Apotheke in Neuzeug und Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer

„Das Coronavirus hat nicht nur Probleme und Leid, sondern auch positive Entwicklungen gebracht. Es war der Trigger für diverse Digitalisierungsschritte im österreichischen Gesundheitssystem, die in den vergangenen Jahren noch nicht für möglich gehalten wurden. Das papierlose Rezept und telemedizinische Anwendungen, etwa Arztgespräche via Skype oder elektronische Krankschreibungen, genießen heute eine breite Zustimmung in der Bevölkerung. Daher sollte unser Gesundheitssystem nach der Krise auch keine Rückschritte machen. Die zunehmende Digitalisierung ermöglicht uns, Patientinnen und Patienten besser zu begleiten. Die individuelle Medikation lückenlos zu dokumentieren bringt allen Beteiligten große Vorteile in Bezug auf eventuelle Wechselwirkungen und Polymedikation. Auch e-Impfpass und persönlicher Impfkalender erlauben eine bessere Beratung zu diesem Thema in den Apotheken. Denn bei der Umsetzung von Test- und Impfstrategien sowie bei der IT-unterstützten Begleitung chronisch Kranker können Apotheker einen immens wertvollen Beitrag leisten. Das Motto lautet daher: Lass dich versorgen, digital und lokal! Als unverzichtbare Erstanlaufstelle kann die Apothekerschaft Vertrauen für die digitalen Technologien schaffen.“


Priv.-Doz. DDr. Philipp Saiko, Apotheke Trillerpark in Wien und Präsident der Apothekerkammer Wien

„Die Apotheken waren in kurzer Zeit coronafit, sodass die Menschen trotz aller Widrigkeiten zu ihren Medikamenten kamen. Dafür gab es auch Lob von Gesundheitsminister Rudolf Anschober, was in der Ärzteschaft für einen gewissen Unmut gesorgt hat. Von den 330 Wiener Apotheken musste nur eine einzige infektionsbedingt für einige Tage schließen. 

Wir sehen in der e-Medikation nicht immer, ob ein Rezept schon eingelöst wurde, der Patient kann die Präparate mitunter erneut beziehen. In der Krise war das aber das geringere Übel. Telemedizin halte ich für ein zweischneidiges Schwert. Es braucht autorisierte Stellen, die eher beratend tätig sind – nur aufgrund eines Telefonats sollte kein rezeptpflichtiges Medikament verschrieben werden! Wichtiger wäre es vielmehr, endlich das Impfen in der Apotheke zu erlauben, um so die Durchimpfungsraten zu erhöhen und einen Herdenschutz für Immunschwache zu erreichen. Der e-Impfpass ist eine gute Sache. Wir Apotheker unterstützen die Influenza-Impfaktion und sorgen für die Verteilung. Wie die Aktion angenommen wird, kann zukünftige Impfaktionen maßgeblich beeinflussen.“  

 

Dr. Gerald Bachinger, NÖ Patient*innen- und Pflegeanwalt und Sprecher der Patientenanwält*innen

„Die sogenannte kontaktlose Medikamentenverordnung, oder besser telemedizinische Verordnung, die vor allem auf den Schultern der Apotheken lastete, hat einen wesentlichen Beitrag zur Entspannung der Lage geleistet. Sie kommt so gut an, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie wieder verschwinden wird. Das Angebot wird hoffentlich rasch und vollständig durch das E-Rezept ersetzt. Die Umsetzung wird einen wesentlichen Fortschritt bringen, den besten Datenschutz und höchste Patientensicherheit. Apotheken benötigen dafür aber zusätzliche Ressourcen. Insgesamt wünsche ich mir, dass die hohe Fachkompetenz der Apotheker viel stärker als bisher in die Prozesse des Gesundheitswesens eingebunden wird. Die berufsrechtlichen Regelungen dahingehend zu ändern, dass Apotheker impfen dürfen, wäre sehr wichtig. Und auch virtuelle Angebote nach dem Beispiel Schweizer Apotheken könnten sich als niederschwellige „One-Stop-Shop“-Angebote etablieren – im Sinne eines „Best Point of Service“.“

 

Mag. Ingo Raimon, Präsident des FOPI – Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich

„Quasi über Nacht wurde das e-Rezept bzw. die e-Medikation in Österreich ausgerollt. Diese Errungenschaft gilt es, auch für die Zukunft zu bewahren. Ähnliches gilt für die Telemedizin: Schlagartig wurde vieles möglich, was lange umkämpft und schwierig schien. Die digitalen Anwendungen helfen, Abläufe zu beschleunigen und Ressourcen zu schonen. Das müsste personelle, strukturelle und schließlich auch finanzielle Ressourcen freimachen, die für die Betreuung der Patientinnen und Patienten wichtig wären. Denn gerade in der Krise wurden Menschen mit chronischen Erkrankungen oftmals nicht ausreichend behandelt. Telemedizin bietet Älteren oder Risikogruppen aber noch einen unmittelbaren Vorteil: Sie senkt das Ansteckungsrisiko, wobei die Betreuung dennoch aufrechterhalten wird. Die Apothekerinnen und Apotheker spielen dabei eine Schlüsselrolle, weil sie insbesondere Menschen, die mit e-Health-Tools noch nicht „auf Du und Du“ sind, unterstützen können. Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass viele der e-Health-Anwendungen nicht in der sprichwörtlichen Schublade verschwinden werden.“

 

DI Gerhard Löw, Leitung Sanodat, Herba Chemosan

„Die letzten Monate erlebten meine Mitarbeiter und ich als eine äußerst intensive und arbeitsreiche Zeit. Am 13. März wurden die Einschränkungen vonseiten der Regierung für den kommenden Montag verkündet und noch am selben Tag wurden wir vom Dachverband informiert, dass bis 16. März eine Art e-Rezept umgesetzt werden müsse. 

Zum Wochenbeginn informierten wir als ersten Schritt unsere Kunden über die aktuelle Situation. Es galt, Ausgangspunkt und Ziel zu erklären, denn wir konnten zunächst nur eine vorläufige Lösung bereitstellen, an der weiter gearbeitet wurde. Bereits eine Woche später konnten wir eine optimierte Version implementieren. Das zahlreiche positive Feedback unserer Kunden motivierte uns besonders. Viele Apotheker riefen an und schrieben uns etliche E-Mails, um sich zu bedanken, denn durch die rasche Abwicklung und die gut funktionierende Lösung konnten sie ihre Kunden rasch und einfach bedienen. 

Aus IT-Sicht ist das aktuelle Corona-e-Rezept natürlich kein „echtes“ e-Rezept, sondern mithilfe der ELGA eine Simulation dessen. Momentan könnte es jedoch im Widerspruch zur Datenschutz-Verordnung stehend, interpretiert werden. Im konkreten Fall ist das Schutzinteresse des Einzelnen während einer Pandemie zwar nachrangig, doch wird sich diese Übergangslösung auf Dauer nicht halten können. Mit einer Umsetzung des echten e-Rezeptes rechnen wir im Laufe des Jahres 2021. 

Die österreichischen Apotheker haben in der Krise großartig reagiert und machen sich nun Gedanken über die Digitalisierung. Denn sie möchten die Wünsche ihrer Kunden erfüllen und ihnen auch elektronische Services bieten. Dabei geht es nicht nur um Webshops, sondern auch um eine Zeitersparnis durch die digitale Abwicklung vieler Anliegen. So könnte man etwa den Versicherungsausdruck, den viele Patienten nach dem Jahreswechsel in der Apotheke abholen, elektronisch abwickeln und dadurch Wege reduzieren. 

Grundsätzlich werden E-Health und telemedizinische Angebote in den nächsten Jahren zunehmen. Das ist ein Lernprozess, bei dem es auch gilt, aus Fehlern zu lernen und neue Wege zu beschreiten. Auf lange Sicht werden sich diese Kanäle als Zusatzangebot etablieren. Wichtig dabei ist, die essenziellen Fragen der Apotheker, beispielsweise die nach der Vergütung, abzuklären. Denn während ein Arzt eine elektronische Beratung wie einen Ordinationsbesuch abrechnen kann, bekommt die Apotheke momentan für ein solches Angebot nichts. Es braucht daher ein Geschäftsmodell, damit diese und weitere Vorhaben umgesetzt werden können. Da sind Politik und Sozialversicherungsträger gefragt.“