Primärversorgungszentren

Die Zukunft gestalten

Im August 2017 wurde die interdisziplinäre Primärversorgung in Österreich gesetzlich verankert. Sie soll eine niederschwellige Gesundheitsversorgung gewährleisten bzw. weiterhin sichern. Herba Impulse hat sich erkundigt, wie das Gesetz in die Praxis umgesetzt wird und welche Chancen sich damit auftun.

Primärversorgungszentren (PVZ oder Primary Health Care, kurz PHC) sollen im Sinne einer umfassenden Grundversorgung die allgemeine und direkt zugängliche erste Kontaktstelle für Menschen mit  Gesundheitsproblemen sein.

Sie sollen zudem den Versorgungsprozess koordinieren und eine ganzheitliche, kontinuierliche Betreuung gewährleisten. Die Aufgaben der PVZ sind einfach definiert, ihre Umsetzung in die Praxis wird hingegen kontrovers diskutiert. Es war ein steiniger Weg von der Idee zum Gesetz, und seit dessen Einführung ist die Skepsis bei vielen nicht geringer geworden. Befürworter der ersten Stunde waren hingegen der Allgemeinmediziner Univ.-Lektor Dr. Erwin Rebhandl sowie der Manager Wolfgang Gruber. Jahrzehnte haben sie in unterschiedlichen Funktionen die Entwicklungen in der Branche beobachtet und sich über die Optimierung der Strukturen in Österreich Gedanken gemacht. Ihr Resultat: die Primärversorgungszentren Enns und Haslach an der Mühl in Oberösterreich. Mit diesen Pilotprojekten blicken beide optimistisch in die Zukunft. Mit an Bord wünschen sie sich die Apothekerinnen und Apotheker.

VERSORGUNG SICHERN UND SCHÖNERES ARBEITEN

Von der EDV-Entwicklung für Ärzte hin zum Managen eines Gesundheitszentrums: Wolfgang Gruber hat seit den frühen 1980ern die Themen und Wünsche der Ärzteschaft am Radar. Aus seiner jahrzehntelangen Beobachtung heraus kristallisierte sich die Vision von Lebensqualität am Arbeitsplatz und einer qualitativen Betreuung von Patientinnen und Patienten. „Als 2013 das Krankenhaus Enns zusperrte, war die Überlegung, im niedergelassenen Bereich etwas anzubieten“, erzählt Gruber. Viele Modelle habe er gemeinsam mit Dr. Wolfgang Hockl überlegt und das idealtypische Projekt in Zusammenarbeit mit der Gebietskrankenkasse Oberösterreich entwickelt. Das, was tatsächlich lebbar ist, wurde in Form gegossen und 2017 mit dem Primärversorgungszentrum „Die Ennser Hausärzte“ realisiert.

BERUFSGRUPPEN-ÜBERGREIFENDE SPIELWIESE

„Wir haben einen ziemlich gelungenen Treffer gelandet“, findet Gruber. Das PVZ Enns sei eine Form, die sich gut für den urbanen Raum eigne. Dann, wenn Ärzte mit Ärzten und Angehörigen anderer Gesundheitsberufe zusammen arbeiten wollen. „Es gibt ja auch die Alleinkämpfer. Aber wer im Team arbeitet, schafft mehr Möglichkeiten.“ Das PVZ Enns vereint sechs Allgemeinmediziner, Physio- und Ergotherapeuten, Diätologen, Logopäden und Sozialarbeiter. Im selben Gebäude finden sich auch Fachärzte und ein Massageangebot. „Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Arzt und nicht ärztlichen Gesundheitsberufen hat der Patient das Gefühl, stets in medizinischer Obhut zu sein – auch bei der Ergotherapie.“ Der große Vorteil sei die laufende Rückmeldung zum Arzt nach einer Verordnung, urteilt PVZ-Enns-Geschäftsführer Gruber.

APOTHEKEN-KNOW-HOW

Mit an Bord der PVZ wünscht sich Gruber die Apothekerinnen und Apotheker. Apotheken sind ein zentraler Versorger und es dürfe nicht vergessen werden: „Mit den Pharmazeuten steht bei Fragen ein hoch ausgebildetes Personal zur Verfügung.“ Die Zusammenarbeit könne unterschiedlich gestaltet sein, sei es im Netzwerk oder zentral in einer Primärversorgungseinheit (PVE). Wolfgang Gruber plädiert fürs Ausprobieren im Sinne der Patienten und für eine offene Diskussion. Er rät, nicht auf ein Gesetz zu warten, sondern zu handeln und im Fall korrigierend einzugreifen.

ÄRZTLICHE NACHFOLGE ERLEICHTERN

75 Kilometer von Enns entfernt eröffnete kürzlich das Gesundheitszentrum Haslach an der Mühl. Arzt Rebhandl wird mit zwei weiteren Allgemeinmedizinern und einem erweiterten Team die regionale Versorgung von vier Gemeinden optimieren. „Als ein langjähriger Kollege in Pension ging, blieb das zweijährige Nachfolgegesuch erfolglos“, erzählt Rebhandl von der einstigen Sorge um die Gewährleistung der ärztlichen Versorgung von fünftausend Einwohnern. Als Präsident der Oberösterreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin sah er viele internationale PVE-Beispiele und hatte sich zum Ziel gesetzt, ein entsprechendes Modell auch in Österreich umzusetzen. Günstige Umstände haben die Verwirklichung vor Ort gemeinsam mit der Gemeinde Haslach ermöglicht.

MEHRWERT SCHAFFEN

Die Vorteile des entstandenen GHZ-Modells verortet Rebhandl in folgender Trias: familienfreundliche Arbeitsbedingungen, besseres Leistungsspektrum und die Umsetzung von Präventivprojekten. Es konnte sogar ein zusätzlicher Kollege gewonnen werden, um dem Ziel näher zu kommen. In den Apotheken sieht Rebhandl wichtige Partner. Nur 200 Meter vom Gesundheitszentrum Haslach entfernt liegt die St. Nikolaus Apotheke. Die Wege halten sich für die Patienten kurz, und schon vor der Eröffnung des GHZ war die Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Apotheke eine sehr gute.

SINNVOLLE KOOPERATIONEN

„Das System öffnen und die Menschen abholen“, das ist der Wunsch von Rebhandl. Die Aufgaben der Pharmazeuten sieht er dabei klar und nannte beim Linzer Apothekerverbandstag 2017 folgende ihrer Aufgaben:

  • Arzneimittelversorgung rund um die Uhr
  • Herstellung von Arzneimitteln
  • Logistische Dienstleistungen
  • Beratung in Fragen von Wirkung, Nebenwirkungen, Interaktionen von Medikamenten, Kontraindikationen
  • Mitbetreuung chronisch Kranker in abgestimmten Programmen
  • Beratung über Prävention von Krankheiten inkl. Impfungen
  • Teilnahme an Impfprogrammen


DIE ZUKUNFT DER GESUNDHEITSVERSORGUNG

Am Linzer Apothekerverbandstag zitierte Rebhandl eine Analyse aus dem Jahr 2013 von Dionne Kringos, Department of Health Policy and Management der Harvard T.H. Chan School of Public Health. Diese zeigte, dass eine starke Primärversorgung assoziiert ist mit einer besseren Gesundheit der Bevölkerung, einer geringeren Zahl von unnötigen Krankenhausaufenthalten, einer relativ geringen sozialen Ungleichheit gemessen am Verhältnis des Bildungsstatus sowie mit einer verbesserten Selbsteinschätzung der Gesundheit.

„PHC sind unabdingbar für die zukünftige Gesundheitsversorgung“, resultiert Rebhandl, verweist aber auf deren schleppenden Start in Österreich. Manches werde außerdem als Primärversorgungseinrichtung verkauft, was keine ist. Themen wie etwa der Datenschutz entgleiten auf eine zu hohe Ebene, ergänzt Gruber. Die Endlosdiskussion von Themen erscheint nicht zielführend, vielmehr sollte in Pilotprojekten das Umsetzbare versucht werden. Die Initiatoren Rebhandl und Gruber sind überzeugt, mit den aktuellen PVZ beispielhaft voranzugehen.

Was sich beide für den Erfolg wünschen, sind mehr Engagement und Initiative von der Basis her – den Leistungserbringern. Grubers Vorschlag zudem: „Keine akademische Diskussion, sondern ‚Wirtshaus-Stil‘ – offen und ehrlich.“

Das Gesundheitsreformumsetzungsgesetz 2017, kurz GRUG 2017, trat im August des Vorjahres in Kraft. Damit soll die ambulante wohnortnahe Versorgung der Menschen in Österreich durch die Einrichtung von multiprofessionellen und interdisziplinären Primärversorgungseinheiten gestärkt werden. Ziel des Gesetzes ist dabei auch die Steigerung der Attraktivität der Tätigkeitsfelder für Ärzte und Angehörige weiterer Gesundheitsberufe sowie die Verbesserung der Arbeits- und Rahmenbedingungen. Bis 2021 sollen 75 dieser Versorgungszentren österreichweit entstehen.


Autor: mhk
Fotos: © Peter Christian Mayr/cityfoto, Dr. Erwin Rebhandl, Haas Architektur/Szabados