Herba Podcast

Psychologische Auswirkungen der Pandemie

Wir sprechen in unserer neuen Podcast-Folge mit Frau Mag. Marion Kronberger über die psychologischen Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft.

Frau Mag. Kronberger ist Vizepräsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psycholog*innen. Sie studierte Humanmedizin und Psychologie an der Universität Wien. Nach vielen Weiter- und Ausbildungen war sie u.a. leitende klinische Psychologin in der Privatklink Josefstadt. Seit 2004 hat sie eine eigene Praxis und hält diverse Vorträge und Seminare im Auftrag von ÖGK, der Stadt Wien und Niederösterreich. 

 

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Sie lesen lieber? Kein Problem, dann können Sie das Interview hier auch nachlesen:
Man liest in den Medien, dass immer mehr Menschen an depressiven Symptomen leiden. Können Sie uns kurz einen Überblick über die Gesamtsituation in Österreich geben?

Ja, die Zahlen sind jetzt in der Pandemie tatsächlich deutlich gestiegen und um einen Vergleich zu haben, ist es wahrscheinlich gut sich immer die Zahlen vor der Pandemie anzuschauen. Wir haben eine Prävalenz in Österreich von ca. 11 Prozent von depressiv Erkrankten und Frauen sind da deutlich stärker betroffen als Männer. Bei den Kindern macht es ungefähr drei Prozent aus. Jetzt in der Pandemie zeigt sich, dass die Zahlen doch deutlich in die Höhe gegangen sind, zum einen sind die Personen, die bereits an einer psychischen Erkrankung gelitten haben oder auch psychisch labil waren, stärker betroffen von der Belastung und entwickeln daher wieder psychische Symptome und andere, die vorher gar nicht betroffen waren, haben psychische Probleme aufgrund der Belastungen, die da jetzt in der Zeit entstanden sind, entwickelt. Das zeigen uns aktuelle Studien ganz deutlich bei den Werten „mittelschwere bis schwere Depressionen“, das sind Betroffene, die wirklich massive Symptome haben und diese auch meist über längere Zeiten bestehen und nicht nur einzelne Episoden haben. Menschen, die vorher in diesem Wert gelegen sind, waren ca. dreieinhalb Prozent, das ist jetzt dreimal so hoch. Also das ist schon ein sehr deutlicher Anstieg und auch bei den Kindern und Jugendlichen merkt man das sehr deutlich in den Studien. Da macht uns vor allem Sorge, dass bei den Jugendlichen die Suizidalität sehr stark genannt wird – dass jene mit suizidalen Gedanken schon ca. bei 16 Prozent liegen (in der Jugendgruppe) und das ist daher ein Thema, mit dem man sich also durchaus beschäftigen muss. 

Beispiel - Schiffsfahrt

Wenn man sich jetzt überlegt, wie es überhaupt dazu kommt, dass in der Krise psychische Erkrankungen so stark ansteigen, so kann man das vielleicht an einem Beispiel deutlich machen. Wenn sie sich vorstellen: Wir nehmen eine Gruppe der Bevölkerung, die auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist und eine Reise antritt. Mitten auf hoher See fallen die Instrumente aus und dieses Schiff weiß wohl, dass es ein Ziel anläuft, hat aber jetzt keine Orientierung mehr. Dann bedeutet das, dass die Passagiere sich auf den Kapitän und sein Team verlassen müssen und selbst wenig beitragen können, aber durchaus massiv geängstigt und besorgt sind, was in dieser Zeit denn da jetzt passiert. Das ist die eine Situation am Schiff, wir haben aber zusätzlich auch eine Wetterlage: Das Schiff treibt erst einmal einfach so dahin und dann ziehen aber Stürme auf und es entstehen ungünstige Wetterbedingungen mit hohen Wellen, dann werden auch die Sorgen massiv ansteigen und man fragt sich, wie denn das ausgehen wird. Bei Schönwetter wird sich die Lage wahrscheinlich etwas entspannen. Was dieses Beispiel zeigt ist, die Passagiere haben aktuell wenig Möglichkeit, aktiv zu gestalten und an der Lösung teilzuhaben und das ist das, was in diesen Situationen besonders belastet. Das heißt abhängig davon, was für eine Wetterlage herrscht, also äußere Umstände, die wir gerade haben, abhängig von Informationen, die gegeben werden (beispielsweise, wie schaffen der Kapitän und sein Team, das die Leute gut informiert sind und bei guter Stimmung bleiben? Wie kann ihnen versichert werden, dass es unter Kontrolle ist? Wie versichern sie, dass sie alles Mögliche tun, damit sich die Lage stabilisieren?), ist die Situation unterschiedlich belastend. 

Zusätzlich spielt auch die Persönlichkeit der Passagiere eine Rolle. Es gibt jene, die einfach besorgt reagieren, andere werden sich zurückziehen und wieder andere brauchen Kontakt und agieren sehr stark. In jedem Fall gehen die Emotionen hoch in solchen Situationen, und zwar in der ganzen Palette, die wir kennen. Das reicht von Traurigkeit, Zurückgezogenheit bis hin zur Wut und Aggression und ist auch abhängig, wie lange dieser Zustand dauert. Das, was sich dann niederschlägt, wenn es um Depression geht, ist, wenn wir Hilflosigkeit fühlen und wenn wir das Gefühl haben, da jetzt nichts machen zu können – also eine Art Kontrollverlust zu haben – dann ähnelt das depressiven Symptomen und die geben die Leute jetzt auch sehr, sehr stark an.

Depression oder depressive Verstimmung

Was ist aber der Unterschied zwischen einer Depression im Sinne einer krankheitswertenden Störung und was ist eine depressive Verstimmung? Da eignet sich noch mal unser Schiffbeispiel ganz gut, wenn nämlich der Kapitän sagt, es ist Land in Sicht, dann werden viele sich wieder entspannen und wieder ausgleichen können und ihrer Stabilität wiederfinden. Da war es also „nur“ eine depressive Verstimmung auf die Situation. Aber es wird viele geben, die sich vielleicht durch den Druck der ganzen Umstände nicht so schnell erholen und die haben eine Depression entwickelt. Und die, die vorher wahrscheinlich schon mit einer Depression an Bord gegangen sind, werden die auch nachher wieder, vielleicht sogar verschlechtert, vom Bord mitnehmen, auch wenn sie dann an Land gehen. 

Sehr interessant! Auch das Thema Angst spielt eine große Rolle. Viele Menschen leiden seit Ausbruch der Pandemie unter permanenter Angst (Angst vor Verlust eines nahen Menschen, Angst vor Isolation, Angst vor Erkrankung, Angst vor Impfung etc.) - sind diese Menschen besonders gefährdet eine chronische Angststörung zu entwickeln? Was kann man tun, um frühzeitig entgegensteuern zu können.

Auch bei der Angst ist es ähnlich wie jetzt beschrieben bei der Depression. Das ist sehr stark situationsabhängig und doch abhängig von Information, die wir haben und die wir bekommen und wie wir die Information einordnen können. Prinzipiell sind Menschen, die Angststörungen haben, ganz gut durch die Lockdownphasen durchgekommen, weil wir beobachtet haben – und das haben uns auch die Studien gezeigt – dass jene, die unter einer Angststörung leiden, sich in der Pandemie gar nicht so schwergetan haben, denn sie hatten nicht mehr den Druck nach außen zu gehen und an der Gesellschaft teilzunehmen, sondern sie konnten sich jetzt ganz beruhigt zurücklehnen. 

Angststörung vs. Angst, Existenzangst, Impfangst

Aber natürlich sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Das ist nämlich die Angst, die durch die Pandemie entsteht. Wir nehmen schon wahr, dass sich insgesamt Existenzängste in der Gesellschaft ausbreiten, weil viele ihren Arbeitsplatz verloren haben oder Kurzarbeit in Anspruch nehmen müssen. Das macht natürlich Existenzangst und die wird uns auch begleiten, obwohl sie situationsabhängig, sie belastet ebenso wie Angst vor Impfungen. Existenzängste sind ein Thema, wo es sehr abhängig ist, wie der Einzelne das regulieren kann. Bei Impfangst wird es wohl auch darum gehen, welche Informationen gegeben werden und wie können sich Leute orientieren. Einen Faktor, den wir auch immer wieder haben, den wir ja auch noch nicht abschätzen können, ist, wie lange diese ganze Situation noch dauern wird, denn auch die Dauer wirkt sich natürlich negativ aus. 

Wenn Sie jetzt fragen, ob Ängste chronisch werden können, kann ich antworten, dass wir wohl generalisierte Angststörungen kennen, bei welchen man sich überhaupt nicht aus dem Haus traut und zurückzieht. Doch ob das jetzt durch diese spezifischen Themen entstehen kann, das wird sich zeigen. Also vieles von dem kann ja geklärt werden, solange die Leute das Gefühl haben, Unterstützung bekommen zu können und zu wissen, wo sie Unterstützung bekommen. Wenn wir die Gesellschaft und die Betroffenen alleine lassen, dann werden natürlich Störungen und Belastungen erhalten bleiben und auch zunehmen.

Welche Gruppen sind denn besonders betroffen von Angst und spielt hier Alter auch eine Rolle?

Ja, also die ersten Studien, die gemacht wurden, haben der Altersklasse ab 18 Jahren begonnen und da gibt es auch in Österreich eine Studie der Uni Krems, die uns deutlich gezeigt hat, dass die Gruppe von 18 bis 24 massive Belastungssymptome angegeben hat, fast 50 Prozent. Diese Zahl nimmt aber von Altersgruppe zu Altersgruppe ab – die über 65-Jährigen haben eigentlich nur ein wenig über zehn Prozent an Belastungssymptomen angegeben. Wir bringen das damit in Zusammenhang, dass ältere Personen zum einen schon mehr Erfahrung mit Krisensituationen haben, dass diese aber auch ganz anderes im Leben stehen. Das heißt, sie haben einen anderen Alltag, sie haben gefestigte Beziehungen und gefestigte Strukturen, waren möglicherweise auch finanziell nicht so betroffen, weil sie nicht mehr im Arbeitsleben stehen. 

Kinder und Jugendliche

Jetzt hat sich außerdem gezeigt, dass besonders Kinder belastet sind. Die sind noch durch den ersten Lockdown ganz gut durchgekommen, aber ab dem zweiten Lockdown haben sich psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen verdoppelt, verdreifacht. Also bei Jugendlichen geben fast 50 Prozent Belastung an. Das hängt damit zusammen, dass Kinder und Jugendliche die soziale Gruppe sehr stark brauchen. Sie lernen in der Gemeinschaft, sie lernen voneinander, sie brauchen den Austausch miteinander. Sie brauchen noch andere Bezugspersonen als die eigenen Eltern und gerade Jugendliche lassen sich generell nicht gerne etwas von Erwachsenen sagen, weil sie ihren eigenen Weg lernen wollen, aber noch weniger gerne von den eigenen Eltern. Da fehlt der wichtige Austausch unter den Gleichaltrigen und das schlägt sich da stark zu Buche. Jugendliche sind auch gerade in der Zeit, wo sie erstmals auf Partnersuche sind und schauen, wie sie sich in der Gesellschaft bewegen unter den Gleichaltrigen. Das ist jetzt alles weggefallen und das beeinträchtigt sehr stark. Das macht uns auch große Sorgen, weil diese Gruppe, wie bereits angesprochen, 16 Prozent suizidale Gedanken angeben haben. Sie beschäftigen sich zwar sehr stark mit Social Media, aber der direkte Kontakt ist dennoch so wichtig und den haben sie aktuell nicht. Auch der Tagesrhythmus geht oft verloren, weil sie dann bis in der Nacht vor den sozialen Medien sitzen und dann spät aufstehen. Also die Alltagsroutinen, die sie durch die Schule vorgegeben haben oder vielleicht, auch wenn sie schon arbeiten. Die sind jetzt unterbrochen und das belastet diese Gruppe ganz besonders stark.

Bildungsferne Gruppen & Migrant*innengruppen

Wir haben beobachtet, dass Gruppen, die bildungsfern sind oder Migrant*innengruppen auch zur belastenden Gruppe zählen. Das steht wahrscheinlich damit in Zusammenhang, dass sie sich die Informationen nicht so gut verschaffen können, armutsgefährdet sind, existenzgefährdet sind und in diesen Familien sind auch Konflikte um 23 Prozent angestiegen. Das ist ein massiver Faktor, da spielen auch beengte Wohnverhältnisse eine große Rolle und wenn Kinder und Jugendliche in diesen Gruppen aufwachsen, dann haben sie doppelte Belastung, weil sie sich auch noch in beengten Wohnverhältnissen in diesen Zeiten aufhalten. 

Ja, man sieht, die Krise hat wirklich massive Auswirkungen. Könnte man da auch pauschal sagen, dass einige psychische Erkrankungen auch Jahre nach der Pandemie steigen werden – wird es also Langzeitfolgen geben?

Es ist zu befürchten, dass das so sein wird. Das zeigen uns auch Krisen, die wir schon gemeistert haben, also zum Beispiel die Finanzkrise der USA – da hat sich gezeigt, dass auch drei bis vier Jahre später noch Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen zunahmen. Es ist so, dass ungefähr 55 Prozent der Bevölkerung in Deutschland angeben, dass sie die Pandemie herausfordernd sehen, aber sich dem positiv stellen können. Aber die restlichen 45 Prozent sind dadurch belastet und je nachdem, so wie ich vorher schon die Gruppen genannt habe, werden sich Symptome zeigen. 

Außerdem brauchen auch die Diagnosekriterien Zeit, denn eine Depression oder Angststörung ist nicht auf ein einzelnes Ereignis begrenzt, sondern hat auch einen Zeitfaktor, unter dem wir das ganze anschauen. Es werden alle, wenn die Krise vorbei ist, versuchen, sich bestmöglich wieder anzupassen und je nachdem wie gut das gelingt und was uns jeweils von der Krise zurückbleibt, werden diese Anpassungsversuche gelingen oder nicht gelingen und dann wiederum psychische Belastungen hervorbringen. Das bedingt dann auch ein späteres Auftreten als gleich nach Beendigung der Krise.

Kommen wir zur Gegenwart zurück. Man hört ständig, wie man sich am besten physiologisch schützen kann (Maske tragen, Abstand halten usw.) Wie schaut es mit Maßnahmen zum Schutz der psychischen Gesundheit aus?

Ja, es ist wenig zu lesen und wir vergessen oft drauf! Dabei ist es so wichtig, manche machen es intuitiv und passen gut auf sich auf, aber dennoch ist es gut, sich das auch immer wieder in Erinnerung zu rufen. Gerade wenn man belastet ist oder vielleicht zur systemerhaltenden Gruppe gehört, wie auch beispielsweise Apotheker*innen, die ständig die Anspannung haben und mit Personen zu tun haben und diese dazu dann auch noch Fragen zur Pandemie stellen wollen oder ihre Sorgen und Ängste erzählen. 

Psychohygiene, persönliche Stärke & Sinnsuche

Psychohygiene tut uns einfach gut: Was die Pandemie allgemein betrifft, ist die Einstellung ein wichtiger Faktor. Je nachdem, wie wir etwas bewerten, bringt es einen Unterschied: können wir eine Krise sehen, die vorüber gehen wird? Oder ist es eine Bedrohung für uns persönlich? Das hängt natürlich auch von den Faktoren ab, die unser Leben bedingen: Wie schaut es mit Job aus, mit Einsamkeit, all die Faktoren, die ich vorhin schon genannt habe. Außerdem ist es auch ein Teil seiner Persönlichkeit: Sagt man es ist es jetzt wert, dass ich mich da engagierte, eine Anstrengung investiere und versuche bestmöglich zurechtzukommen, bin ich mir meiner Stärken bewusst? Das ist das, was wir tun können, uns zu erinnern: Durch welche Krisen bin ich denn schon gekommen und wie habe ich das gemacht, wo liegen meine persönlichen Stärken? Was kann ich in dieser Situation jetzt tun, um mit all dem, was es mitbringt, auch zurechtzukommen. Wir bekommen über die Medien auch sehr oft auf die emotionale Art und Weise die negativen Aspekte transportiert, die uns sehr beeinträchtigen. Wenn man mit Menschen redet, hört man auch immer wieder positive Aspekte und die herauszuarbeiten kann uns ganz guttun, auch um den Ganzen irgendeinen Sinn zu geben. Wir Menschen sind so angelegt, dass wir versuchen, in Dingen einen Sinn zu finden und wenn das gelingt, dann hilft uns das auch es gut auszuhalten und durch die Zeit zu kommen. Daneben steht natürlich, dass wir das akzeptieren müssen, was wir es nicht verändern können. Auch das fällt uns oft schwer, ist aber gerade jetzt besonders wichtig. Es hat sich gezeigt, dass jene Personen, die psychisch flexibel sind, handlungsfähig bleiben und sich mit der Krise leichter tun.  

Glauben Sie, dass sich unsere gesellschaftlichen Beziehungen (Freundschaften, Arbeitskolleg*innen, Familie usw.) nachhaltig verändern werden?

Ja, da sind wir eigentlich alle schon neugierig darauf, wie sich das verändern wird. Denke ich jetzt an Personen, mit denen ich in meiner täglichen Praxis zu tun habe, so merkt man schon ganz eindeutig, dass sich der Wert von Beziehung gesteigert hat. Das ist das, was uns allen am allermeisten fehlt. Wenn man Menschen fragt, so fehlen uns einfach die Umarmungen. Viele haben ja auch Negatives erlebt, womöglich war jemand krank und die Belastungen sind größer und dann darf man obendrein niemanden umarmen, das fällt schwer. Wir finden Trost, wenn wir uns umarmen, aber wir teilen auch unsere Freude, wenn wir uns umarmen und sich da zurückzuhalten, das ist etwas, was wir jetzt über die Zeit auch schon gelernt haben, was uns aber eigentlich nicht guttut. Wir sind einfach Herdentiere, wir leben in der Gesellschaft und wir brauchen den Kontakt. 

Armut

Das, was wir beobachten und was mir noch ein Anliegen ist zu erwähnen, gerade bei dem Thema zu gesellschaftlichen Veränderungen und Beziehung, ist dass sich eindeutig eine Kluft in der Gesellschaft deutlich macht, und zwar von jenen, die von existenziellen Krisen bedroht sind, die bildungsfern sind, Migrant*innenfamilien usw. Armut ist ein großes Thema, das wir jetzt merken. Es gibt EU-weit eine Untersuchung, die zeigt, dass jedes fünfte Kind arm ist und das ist schon eine Zahl, die mich bedrückt. 14 Prozent der österreichischen Familien sind arm und wir wissen, dass Armut bedingt viele gesundheitliche Probleme entstehen, man ernährt sich nicht so gesund, man macht weniger Bewegung, man hat weniger Ressourcen auf sich zu achten usw.  Das fördert u. a. auch psychische Erkrankungen. Es heißt ja, psychische Erkrankung ist die neue Armutsfalle und gleichzeitig macht Armut krank und das möchte ich allen ins Bewusstsein holen und vielleicht auch hier schauen, dass uns das nicht spaltet, sondern dass wir einen guten Umgang mit diesem Thema finden können. 

Wir sind jetzt auch schon fast am Ende, daher möchte ich noch kurz etwas auf die Apotheke eingehen. Die Apotheke kann eine erste Anlaufstelle sein, wenn man bei sich depressive Symptome bemerkt oder Schlafstörungen leidet. Haben Sie Tipps für die Beratung, die sie uns gerne mitteilen wollen?

Ja, Apotheker und Apothekerinnen sind oft die erste Anlaufstelle, waren jetzt besonders wichtig und sind auch systemerhaltend. Das ist ein schönes Wort, für das, was die jetzt in der Pandemie geleistet haben. Sie genießen hohes Vertrauen der Kund*innen und in dieser Zeit ist es wichtig und entscheidend, ein offenes Ohr für die Probleme zu haben. Mein Rat: Hört man, dass jemand über depressive Symptome berichtet, ist erst einmal wichtig abzuklären, ob es diese schon vor der Pandemie gab oder durch die Pandemie ausgelöst wurden. Das macht einen großen Unterschied! Sind die Symptome situationsbedingt, so ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es auch schneller wieder vorüber geht, sobald sich die Situation wieder entspannt. Waren die Symptome bereits vorher vorhanden, so ist es sehr wichtig, dass die betroffenen Personen professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen.  Natürlich brauchen aber auch jene, die die Situation besonders belastet, professionelle Unterstützung und da sind die Apotheken die ersten Anlaufstelle, die hier in diesem Sinne auch gut beraten kann. Das wäre mir ein Anliegen!

Das zweite, dass ich hier gerne mitgeben möchte, da ich von Gewalt in Familien gesprochen habe, die mit 23 Prozent in der Krisenzeit auch sehr hoch ist, es ist EU-weit ein Zeichen etabliert worden, dass Frauen geben, wenn sie von Gewalt betroffen sind, denn oft fällt es denen ja sehr schwer, das zu verbalisieren oder auszusprechen. Diese Zeichen kann man im Internet nachsehen. Der stille Hilferuf beginnt damit, dass die Innenseite einer flachen Hand gezeigt wird. Dann wird der Daumen in die Handinnenfläche gelegt, zum Schluss werden die vier Finger über den Daumen gelegt. 

Signal for help: stilles Handzeichen für Hilfe gegen Gewalt

Kommt so ein Zeichen, sollten die Apotheker*innen unbedingt reagieren. Außerdem sollten sie verbreiten, dass es dieses Zeichen gibt, weil das ist das erste Signal „ich brauche Hilfe“. 

Vielen Dank, dass sie das angesprochen haben. Wir sind jetzt schon am Ende angekommen. Haben Sie positive Schlussworte für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer?

Erstens würde ich gerne sagen, dass diese Pandemie eine große Krise für uns alle ist. Diese Krise als Herausforderung anzusehen und aktiv zu werden ist ganz ganz wichtig. 

Zweitens sind Krisen auch Zeiten für Veränderungen. Das heißt, ohne eine Krise verändern wir kaum etwas, doch die Krise macht uns auf vieles aufmerksam. 

Der dritte Punkt, der mir besonders wichtig ist: Jede Krise geht vorbei! Auch wenn sie jetzt schwierig ist und eine Belastung ist, bringen Sie Ihr Schiff gut durch diese Zeiten, auch wenn es immer wieder stürmisch ist, zwischendurch scheint doch immer wieder die Sonne und irgendwann ist Land in Sicht und auf das hoffen wir alle gemeinsam!


Das sind sehr schöne Schlussworte! Wir bedanken uns bei Frau Mag. Kronberger für das spannende Gespräch!